212 265 - 3

212 265 - hinter dieser auf den ersten Blick unscheinbaren und nüchternen Baureihen- und Ordnunsgnummerkennzeichnung einer Diesellok stehen in meinem Fall unvergessliche Kindheitserinnerungen, man kann sagen mir ist die Erfüllung eines von vielen Jungen, oder vielleicht besser Kindern, gehegten Wunsches zuteil geworden. Bei genauerem Nachdenken kann ich sagen das es mir heute noch irgendwie unwirklich vorkommt, und doch ist es so gewesen. Aber ich will der Reihe nach erzaehlen:

Mit dem 24 Stunden-Ticket durch´s Ruhrgebiet

Als mein Interesse für die Eisenbahn so um das Jahr 1984 wieder heftig erwachte und sich dann auch wieder über den Rangierbahnhof Frintrop heraus erstreckte, entdeckte ich die Bahnlinie Haltern-Bottrop-Essen-Wuppertal, die heutige KBS 446. Genauer gesagt führte mich eine der “Erkundungsfahrten” am Bahnhof Essen Dellwig-Ost vorbei, die dort verkehrenden Züge, Diesellok der Baureihe 212 im Wendezugbetrieb, konnte man vom Bahnhof Frintrop aus sehen und ich würde sagen, diese Tatsache führte mich auch in diese Richtung. Die 212 haben mich damals (und auch noch heute) sehr angesprochen, ich kannte diese Baureihe überhaupt nicht, für das Ruhrgebiet war sie auch nicht gerade typisch. Nach einigen Besuchen, Studiums der Linienpläne und Fahrpläne wagte ich dann mal eine Fahrt nach Bottrop HBF und zurück. Es muss mir so sehr gefallen haben dass mich diese Strecke regelrecht in ihren Bann gezogen hat, nachdem ich ein Kursbuch in meine Haende bekommen habe begannen mich auch andere Strecken zu interessieren.
In212 265 im alten Bottroper HBF, 1985nerhalb kurzer Zeit stellte ich meine Freizeitgestaltung um und verbrachte meine Wochenenden in Nahverkehrszügen des Ruhrgebietes. Es war unglaublich faszinierend für mich, damals fremde Städte und Orte zu entdecken. Sehr gelegen kam mir damals das auch heute noch erhaeltliche 24-Stunden Ticket, es erlaubte beliebig viele Fahrten in einem gewissen Geltungsbereich, und von Essen aus war der Radius schon ganz ansehnlich. Man konnte Bottrop, Langenberg, Wanne-Eickel, Dorsten und Oberhausen erreichen. Wahrscheinlich auch einiges mehr, aber diese Ziele habe ich sehr intensiv bereist. Zusammen mit dem Kursbuch war dieses Ticket ein Garant für viele schoene Entdeckungsreisen. Ich bin fast jedes Wochenende unterwegs gewesen, von Essen-Dellwig nach Langenberg, dann nach Essen zurück, über Gelsenkirchen nach Wanne, von dort über Bismarck nach Dorsten und dann mit dem Akku nach Oberhausen und wieder zurück - eine herrliche Beschaeftigung.
Favorit war unbestritten die damalige Kursbuchstrecke 381, in den Endbahnhöfen hatte man ein wenig Aufenthalt und konnte prima die 212er “untersuchen” und bestaunen.

Lokführer Udo

Natuerlich war ich fasziniert vom Beruf des Lokfuehrers, es gab damals nichts spannenderes als in Bottrop HBF dem Lokfuehrer beim Aufruesten der Lok zuzusehen, er musste ja vom Steuerwagen auf die Lok wechseln und einige vorbereitende Taetigkeiten fuer die Rueckleistung vornehmen. Natuerlich, einmal dort mitfahren - das waere schon was. Aber ich haette mich nie getraut einfach zu fragen. So blieb mir nichts anderes uebrig, als so moeglichst viel Eisenbahnatmosphaere mitzunehmen und abzuwarten, ob es nicht einen Lokfuehrer gab dem es alleine vielleicht doch zu langweilig war.
Naja, es gab ihn tatsaechlich - er hat mein Interesse an “seiner” 212, genauer 212 265-3, wohl mitbekommen und fragte mich, ob ich mitfahren moechte. Wenn ich mich noch richtig erinnere habe ich die Frage beim ersten mal nicht verstanden oder war so überrascht....er fragte halt nochmals, und ja, natuerlich wollte ich ! Ich also schnell die Leiter hoch, Tuer auf und noch ein, zwei Stufen bis in den Fuehrerraum.Ich muss wohl ziemlich erschlagen worden sein von der neuen Situation, der (mir jedenfalls) angenehme Geruch von warmem Öl und Dieselkraftstoff umgab mich, zudem eine Vielzahl von Instrumenten - und natuerlich Lokfuehrer Udo ! Er bereitete den “Gaestesitz” vor, dazu wurde einfach der Fuehrersitz des nicht benutzten Fahrstandes herumgeschwungen und eine Fussraste aus der Wandverkleidung ausgeklappt.
Die Wendezeiten waren nicht sonderlich lang, ich glaube 9 Minuten, und so ging es auch schon bald los. Der Lokfuehrer auf 212 318 wartet in Dellwig-Ost auf den Abfahrauftrag...Der Dieselmotor wurde gestartet, die Luftleitung gefuellt und der Zug nur noch mit der Zusatzbremse “festgehalten”. Nachdem wir den Abfahrauftrag erhalten hatten, durfte ich endlich meine Hausstrecke mal aus der Lokfuehrerperspektive erleben, ich wusste gar nicht wo ich zuerst hinsehen sollte, die Bedienung der Lok interessierte mich ebenso wie der Streckenausblick, und vor Aufregung war ich wahrscheinlich eh etwas aufgeloest. Lokfuehrer Udo erklaerte mir natuerlich eine Menge waehrend der Fahrt nach Langenberg. Die Fahrt war natuerlich viel zu schnell vorbei, und als ich dann in Langenberg wieder von der Lok abstieg, wahrscheinlich mit zitternden Knien, bekam ich das Angebot auch wieder auf dem Steuerwagen mit zurückzufahren. Das war natuerlich viel mehr, als ich mir je haette traeumen lassen - aber es kam noch besser, ich durfte bis zur letzten moeglichen Fahrt auf dem Fuehrerstand bleiben, ich war hundemuede aber ziemlich gluecklich.

Führerstanderlebnisse

Mit dieser Zeit verbinde ich eine Unzahl an Eindruecken und Erlebnissen, es waere muessig jetzt alle aufzuzaehlen und wuerde den Rahmen hier eindeutig sprengen. Ich kann durchaus sagen dass aus dieser Bekanntschaft eine Art Freundschaft wurde - es blieb auf 212 318 in Bottrop HBF, Ausfahrt steht mit 60 nach Essen....nicht bei der einen Fahrt, ich war mehr oder weniger regelmaessig als Gast auf dem Fuehrerstand dabei. Ich lernte die Lok zu bedienen, war recht streckenkundig und waere natuerlich am liebsten gar nicht mehr abgestiegen. Ich wurde dann auch etwas dreister und fragte andere Lokfuehrer einfach um eine Mitfahrgelegenheit. Sogar mit recht gutem Erfolg, die Sucht liess mich eben nicht los. Neben den ueblichen Attraktionen wie sehenswerte Sonnenauf- und untergaenge, Unwetter und Schneechaos gab es betriebliche Ausnahmesituationen wie durch Blitzschlag auf Halt gefallene Signale, die trotz Schnellbremsung überfahren wurden, nicht eingeschaltete Luftpresser die fast zu einer Durchfahrt des Bahnhofs fuehrten und vieles dergleichen mehr. Je mehr “daneben” ging, je spannender war es fuer mich.
Und es gab den Fussballplatz hinter Kupferdreh, ein kurzer Pfiff als Anfeuerung, wir winkten kurz ´rueber....wie gerne wuerde ich nochmals dort vorbeifahren, auf dem Fuehrerstand. Ganz zu schweigen von den vielen “Exkursionen” mit Lokfuehrer Udo - wir waren auf dem Stellwerk in Langenberg, er hat mich in Personalaufenthaltsraeume, Meldestellen, Kantinen und andere Lokalitaeten als “seinen Sohn” geschmuggelt. Einem Besichtigungstermin des damals noch nicht offiziell vorgestellten ICE durfte ich bei Krupp in Essen beiwohnen und vieles mehr....so ging es eine ganze Zeit, wie wir uns aus den Augen verloren haben vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Wahrscheinlich ebenfalls die Verschiebung der Interessen von Bahn zu der lange verschmaehten Damenwelt, erstes Auto und Zeitmangel durch Ausbildung.Der Fueherstand eines Steuerwagens war wesentlich komfortabler ausgestattet.

Rueckblickend ist dies natuerlich wirklich schade, ich habe ihm viele wirklich schoene Stunden meines Lebens zu verdanken, einen guten Teil meiner Berufswahl und sicher auch einige “vernuenftige Ansichten”. Umso hoeher ist dies alles anzusehen wenn man bedenkt, dass es sicher Schwierigkeiten fuer Lokfuehrer Udo gegeben haette wenn man mich dort auf dem Fuehrerstand ergriffen haette, und dass er wirklich all dies ohne Berechnung auf einen Vorteil getan hat, aus rein menschlichen Motiven.

An dieser Stelle nochmals einen besonderen Dank, wenn ich ihn auch gerne persoenlich aussprechen wuerde - Lokfuehrer Udo habe ich noch nicht wiedergefunden - 212 265 für lange Zeit auch nicht. Nachdem ich gegen Mitte der 200er Jahre erfuhr, dass sie nun in Würzburg - und damit in erreichbarer Entfernung stationiert war, nahm ich Kontakt mit einem Würzburger Eisenbahner auf.

Er versprach sich um einen Besuchstermin zu bemühen, doch leider wurde nichts daraus. Bilder im Internet zeigten sie dann längere Zeit abgestellt in einem Betriebshof. Noch durfte ich also auf eine Wiedersehen hoffen.
Es wurde bekannt dass sie aufgearbeitet wurde und für DB Fahrwegdienste wieder im Einsatz war. Das freute mich natürlich, brachte mich aber nicht weiter in Sachen Besuchstermin.

Das änderte sich im Jahr 2010, voellig ueberraschend meldete sich einer der Stammlokführer bei mir (nach dem Besuch meiner Webseite) und bot mir an, den lange ersehnten Besuch zu ermöglichen. Derzeit wr sie im Raum Hagen eingesetzt, da ich gerade zu Besuch in Oberhausen war konnte ich nach nahezu 25 Jahren...wieder auf den Führerstand von 212 265 heraufsteigen. Sie hat sich gut gehalten, einen neuen Motor bekommen. Im Führerstand auch ein wenig neue Technik, aber immer noch wiederzuerkennen. OK, das auf dem Umlauf angebrachte Geländer ist keine Zierde. Es war mir eine grosse, wirklich grosse Freude die mir hierdurch bereitet wurde.
Noch einmal begegnet ist sie mir danach auf dem Weg in die Schweiz, an einer Glesibaustelle habe ich sie aus dem fahrenden Zug gesehen. Ich wünsche allzeit gute Reise, vielleicht bis auf ein erneutes Wiedersehen!

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